"Selbstmörder sind egoistisch"

Um die Wahrheit zu sagen gibt es auch viele negative Kommentare. Sie sagen, du hättest das sehen müssen, du hättest erkennen müssen, dass es alle nur gut meinten und für dich da waren. Sie sagen, du bist egoistisch. Sie glauben, “man” hätte schon eine Lösung gefunden. Sie verstehen nicht, warum du sie alleine gelassen hast.
Mich hat das unheimlich wütend gemacht. Ich musste mich zusammen reißen um nicht einen Streit anzufangen, den ich nicht gewinnen kann. Weil alle anderen nun einmal so denken. Du musst ihnen das verzeihen, sie sind verzweifelt. Sie vermissen dich wirklich. Aber das sollte solche Sätze eigentlich nicht rechtfertigen.
Wer ist “man”? “Man” ist die enthaltsame Form von “wir”. ‘Man hätte das schon alles irgendwie geschafft. Vielleicht wäre ich nicht dabei gewesen, aber irgendwie waren wir ja alle für dich da und du wärst nicht alleine gewesen.’

Was Menschen weder verstehen können noch wollen ist:

1. Wenn man sich immer darauf beruft, ein Individuum zu sein, kann man nicht erwarten
-dass Probleme einheitlich sind und somit verständlich und lösbar für jeden sein müssen
- dass andere Personen sich immer mitteilen, weil es sowieso nicht mit den Interessen des Gegenübers vereinbar ist und/oder man Missverständnisse vermeiden will
2. Dass es nicht die Pflicht eines anderen ist, sie glücklich zu machen/am Leben oder bei Laune zu halten, sondern die eigene. 
3. Dass sie weg sehen. Dass sie Gefühle zu selten zeigen. Immer nur wach werden, wenn es zu spät ist.

Niemand kann mir sagen, er hätte keine Anzeichen gesehen. Es heißt immer “ach der Junge war ja so lieb, was war denn sein Problem? Ich hab’ gar nichts mit bekommen”- was totaler Schwachsinn ist. Sie haben nur gar kein Gefühl mehr für die kleinen Dinge. Für Blicke und Launen und Gesten. Sie wollen einen gar nicht kennen, weil das alles viel einfacher macht. “Er war ein bisschen still, aber immer freundlich” kann man dann in jedem Zeitungsartikel über Suizidfälle lesen. Das macht mich irre.
 Du warst doch so viel mehr. Du warst ständiges Zähneknirschen, unbemerktes Frösteln, mit dem Fuß auf dem Boden tippen, Schulternzucken, du warst morgens-immer-gut-gelaunt, wenn nicht hattest du schlechte Träume. Du hattest Albträume, du hattest eine zerfetzte Kindheit, du hattest Sorgenfalten, Raucherhände und zerkaute Fingernägel. Ein schiefes Lächeln, einen hilflosen Blick, du hattest die schwächsten Arme dieser Welt, aber aus keiner Umarmung konnte man mehr Gefühle lesen. 
Ich weiß nicht, wie man es besser macht. Wie man mit Trauer umgeht, ob man wirklich alles von sich abstoßen soll oder sich besser Vorwürfe macht und sich selbst ändert. Aber dieses "Ich weiß nicht, ob ich ihm verzeihen kann" hat mich getroffen wie ein Schlag ins Gesicht.
Wie sie sich alle nicht um einen kümmern und einem dann vorwerfen, man hätte sie verlassen. Ihr Leben zerstört. Wie sie plötzlich vorgeben du seist ihr bester Freund gewesen und nichts wäre so schlimm gewesen dass es rechtfertigt sich das Leben zu nehmen. DEIN Leben. Es war deins. Und sie wissen doch gar nichts. Sie glauben zu wissen, dabei fehlt ihnen jegliches Verständnis- und würde man ihnen ein Buch mit deiner Lebensgeschichte überreichen, fein säuberlich aufgelistet, dann würden sie immer noch die Köpfe schütteln. Vielleicht hättest du dann eine Berechtigung gehabt, in ihren Augen “krank” zu sein, aber nicht tot, nicht einfach weg.
Zugegeben scheint das normal, Tote zu beleidigen. Sie haben alle so viel Wut in sich, auch auf sich selbst, dass es sich vermutlich so äußert. 
Sie haben mich gefragt, warum ich nicht wütend bin, warum ich wenn ich über dich rede so ruhig bleiben kann, warum ich nie mal mit der Faust gegen die Wand schlage und schreie “verdammt wieso hat er das gemacht, wie kann er so egoistisch sein!?” und ich habe entgegnet, wie sie erwaten können Menschen zu kontrollieren. Zu kennen. Du hast dich mitgeteilt und ich habe schon geweint als du noch da warst. Ich habe dich umarmt und geflucht und mit deinen Freunden über dich gesprochen, da haben sie das ganze noch “Phase” genannt.
Letztendlich habe ich zu wenig getan und ich dachte auch nicht, dass du mit allem Schluss machst, aber das hast du. Und ich kann dich nicht hassen, weil du uns nicht mehr Chancen geben wolltest, es war dein Leben und dein Inneres. Egal wie viel ich davon kannte, ich bin dankbar um alles was du geteilt hast, weil ich weiß es fiel dir schwer.  Du bist durch so viel gegangen, was du nicht verdient hattest, und du warst so tapfer- du hast dich nicht zum Negativen verändert. Durch keinen Trip der Welt, durch niemanden, egal was andere sagen. Ich habe geliebt was du an dir gehasst hast und ich hoffe irgendwann verzeihst du uns, dass wir so egoistisch waren.

Vor 1 Jahr | 10:15am - 6 Anmerkungen
  1. thelast2ndchance hat diesen Eintrag von alleine-im-meer gerebloggt
  2. von alleine-im-meer gepostet
<---DONT REMOVE---->